
TENDREL- EINHEIT IN DER DUALITÄT®
Lharampa Geshe Tarab Tulku XI. wurde 1935 in Tibet geboren. 1959 floh er nach Indien und ging später nach Dänemark, wo er über vierzig Jahre wirkte, bis er dort im September 2004 verstarb.
Er hinterließ uns sein Werk Tendrel - Einheit in der Dualität®, das er auf der interdisziplinären Konferenz ‚Unity in Duality’ 2002 in München in Anwesenheit und unter großer Wertschätzung Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, dem Westen vorstellte.
Sein Vermächtnis öffnet die Essenz dreitausend Jahre alter indo-tibetischer Weisheitslehren für den Westen. Dazu entkernte Tarab Tulku die alten Philosophien von ihren kulturell-religiösen Bezügen und führte sie zu einer universalgültigen Essenz zusammen, in der Erkenntnis, dass es den hochtechnisierten Kulturen unseres Zeitalters an diesem Verständnis mangelt und sie es dringend zur Überwindung der aktuellen globalen geistigen wie materiellen Probleme benötigen.
Als ‚Innere Wissenschaften vom Bewusstsein und den Phänomenen U.D.’ übergibt er uns diese Kernessenz, eingebettet in eine Fülle von praktischen und methodischen Anweisungen.
Tendrel, das ‚wechselseitiges Entstehen in Abhängigkeit’ ist für das Verständnis der hochkarätigen Exploration ein zentraler Begriff.
*In den alten Kulturen diente die Tendrel-Sicht als Grundlage, die Natur der Wirklichkeit und unsere eigene Natur zu verstehen und mit dem eigenen Körper-Geist so umzugehen, dass die bestmöglichen Bedingungen für ein ausgewogenes Fortbestehen der Menschheit und eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Natur geschaffen werden, sodass letztendlich Frieden entstehen kann.*(Tarab Tulku, Einheit in der Vielfalt)
Bereits Buddha Gautama legte in seiner ‚Lehre vom abhängigen Entstehen’ diese Sicht dar, die später von Nagarjuna (2. Jhd. n.u.Z) und Tsongkhapa (14. Jhd.n.u.Z.) in jeweils eigener Weise aufgegriffen wurde.
Die essenzielle Natur der Wirklichkeit beschreibt Nagarjuna mit acht Qualitäten von Tendrel, die Tsongkhapa später in den Rahmen von vier Tendrel - Paaren stellt. Übereinstimmend betonen sie: alle materiellen Phänomene des Universums haben ihr eigenes individuelles Sein bzw. eine individuelle Identität.
Die Acht Tendrels nach Nagarjuna:
Werden und Vergehen
Endlichkeit und Unendllichkeit
Kommen und Gehen
Teil und Ganzes
Die Vier essenziellen Naturen der Wirklichkeit nach Tsongkhapa:
Tarab Tulku erläutert auf dieser Basis Tendrel als Einheit in der Dualität. Der Prozess von Entstehen und Vergehen beschreibt eine Kreisbewegung, die sich endlos fortzusetzen scheint. Individuelle Existenz existiert in gegensätzlicher und vereinter Natur von Entstehen und Vergehen.
Sie existiert in zwei Zeitnaturen, sowohl endlich wie unendlich.
Das Endliche umfasst die individuelle Lebenspanne des Zeitraums von der Entfaltung bis zum Tod, das Unendliche besteht fort im unendlichen Zeitbogen des Entstehens und Vergehens von Energie und Materie und Materie zu Energie, an dem alle Existenz ununterbrochen teilhat.
Individuelle Identität existiert im Raum sowohl örtlich-lokal wie delokal.
Während Materie eine Ausdehnung im Raum einnimmt, also lokal begrenzt ist, bewsitzt sie gleichzeitig ein Energiefeld, das immer weniger räumlich begrenzt und damit immer delokalisierter wird.
Das bedeutet: materielle Natur und lokale Begrenztheit existiert gleichzeitig mit der inneren Natur und der Delokalisiertheit der individuellen Identität.
Individuelle Identität existiert gleichzeitig als Teil und als Ganzes. Individuelle Identität setzt sich aus zahllosen Unter-Einheiten zusammen, sie vernetzt und gruppiert sich permanent neu, wobei jede Gruppe wiederum ein aus Teilen zusammengesetztes Ganzes bildet. Zusammengesetzte Phänomene existieren als Netzwerk wechselseitiger Beziehungen, und zwar gleichzeitig als Bestandteil eines größeren Ganzen und als das Ganze selbst.
In seiner Lehre 'Unity in Duality' zeigt Tarab Tulku die wechselseitige Vernetztheit dreier gleichzeitig existierender Tendrel-Paare auf:
Materie und Energie Geist und Körper Subjekt und Objekt
'Da Energie aller Materie zugrunde
liegt und diese sättigt und durchdringt, impliziert der Umgang mit Materie
immer auch eine Verbindung mit der Energie jenseits der materiellen
Natur. Erfahren wir die Energie-Ebene von Materie, ist Materie nicht mehr
länger lokalisiert und isoliert.’
'Der Körper setzt den Rahmen für den Geist. Das Zusammenspiel zwischen beiden wechselseitig verbundenen Aspekten von Körper und Geist zu vertiefen, bewirkt eine natürliche Beruhigung des Bewusstseins’.
'Das konzeptualisierende Bewusstsein – als Subjektpol – abstrahiert und kristallisiert die Realität - den Objektpol - und kann daher nur Teile und nicht mehr das Ganze wahrnehmen und den fortschreitenden Prozess der Existenz nicht erfassen. Weniger vom konzeptualisierenden Bewusstsein bestimmt zu sein, macht uns offen für den natürlichen Fluss der Existenz und erlaubt uns, an ihrer unendlichen Natur teilzuhaben.’
Indem Tarab Tulku die wechselseitige Durchtränktheit von Einheit und Dualität als universale Gesetzmäßigkeit und immergültige Essenz aus der buddhistischen Weisheitstradition herausstellt, eröffnet er unserem westlichen, sich in überwiegend konzeptuellen Objekten verlierenden Geist eine radikal neue Sicht und geeignete Methoden, mit ihnen unseren nach außen gerichteten Geist zu korrigieren.
